Autoren sind einsam und lichtscheu


Ein Schriftsteller, wie man auch aufwertend zu einem Autor sagen kann, vegetiert das ganze Jahr über in einem kleinen Zimmer mit heruntergelassenen Rollläden und schalldichten Fenstern vor sich hin. Sind dann nach ein oder zwei Ewigkeiten und einer ergreifenden geistigen und körperlichen Materialschlacht die Ideen, die noch nie ein anderer Mensch zuvor hatte, zu Papier gebracht, werden die Unmengen an Buchstaben an einen Verlag gesandt, der in froher Erwartung daraus sofort und widerstandslos ein Buch herstellt und es in den internationalen Handel bringt.

Der Schriftsteller lehnt sich sodann zurück in Erwartung der halbjährlich fließenden Honorarschecks in dauerhaft beträchtlicher Höhe. Natürlich in der Hoffnung, nein, vielmehr in der Gewissheit, dass sein Name und die Genialität seines Werkes weltweit und für ewige Zeiten gewürdigt sein werden.

Nun ja, es mag solche Vertreter dieses Berufszweigs geben. Ich persönlich kenne keinen. Bei durchschnittlich 40 Cent zu versteuerndem Honorar je verkauftem Buch und ca. 80.000 Neuerscheinungen jährlich auf dem deutschen Buchmarkt könnte ein Schriftsteller von dem zu erwartenden Honorar wahrscheinlich nicht mal die schalldichten Fenster bezahlen.

Ich schätze, dass es auf dem deutschen Belletristik-Markt nicht mehr als 50 Kollegen gibt, die vom Bücherschreiben vollumfänglich leben können.

Zum Glück sind die meisten Autoren heute wesentlich publikumsnäher, was die steigende Zahl an Lesungen und so genannter Events zeigt. Eine Lesung ist für einen Autor das Salz in der Suppe. Das betrifft jetzt nicht nur das zu versteuernde Lese-Honorar, sondern das Erlebnis an sich. Langsam kehrt die Erkenntnis ein, dass ein Schriftsteller nicht ausschließlich zum Selbstzweck, also dem wirtschaftlichen Überleben schreibt, sondern auch für den Leser. Gerade hier bieten Lesungen ein hervorragendes Instrument, um mit den (potenziellen) Lesern in Verbindung zu treten.

„Bücher für den Leser“ statt „Bücher vom Autor“. Die Rückmeldung an den Autor wird immer wichtiger. Obwohl, die Erwartung des Lesers kann gefährlich werden. Dem einen Leser hat der Roman zu viele Dialoge, dem anderen Leser hat er zu wenig. Es muss klar sein, dass ein Autor es nicht all seinen Lesern recht machen kann. Das macht auch nichts, solange es die Kritikfähigkeit des Autors zulässt, über seinen Schatten zu springen und den Willen seiner Leserschaft in die Manuskripte transportieren kann. Dabei soll der Autor aber nicht zum ausführenden Sklaven des Lesers werden, sondern eher zu einer Hilfestellung zu einer gegenseitig nutzvollen Symbiose.

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Harald Schneider, im Dezember 2007